| >
to english text
GLUB (Hearts)
Eine Installation von Mieke Bal und Shahram Entekhabi
Idee
Dieses Projekt zielt darauf ab, ein positives Bild der Migration als ästhetischem
Phänomen im heutigen Berlin zu leisten. Es integriert Aspekte von
akademischer und künstlerischer Arbeit. Vornehmlich performativ angelegt,
integriert die Installation verschiedene Medien und sensuelle Erfahrungen.
Installation
GLUB ist das arabische Wort für Herzen, ein Wort, das für essbare,
geröstete und gesalzene Kerne als preiswertem Snack verwendet wird.
Ausgehend von den diversen Bedeutungen der Kerne - Sonnenblumenkerne,
Kürbiskerne und alle Arten von anderen Kernen – die traditionsgemäß
in vielen außereuropäischen Gesellschaften gegessen, aber meistens
mit der arabischen Welt in Verbindung gebracht werden, verwendet die Installation
das Medium Video, um nicht nur ein positives Bild von Migration anzubieten,
sondern auch die Besucher anzuregen, ein solches Bild selbst zu konstruieren
und sich selbst dazu ins Verhältnis zu setzen. Konkret heißt
das: Die Installation besteht einerseits aus einem von Mieke Bal und Shahram
Entekhabi redaktierten und editierten Videofilm aus diversem Dokumentations-
und Interviewmaterial zum Thema, andererseits aus einem Set von mehreren
Monitoren, die das dem Videofilm zugrunde liegende Bildmaterial umfänglich
zeigen. Damit ist den Besuchern die Möglichkeit gegeben, nach eigener
Wahl in eine von ihnen bevorzugte Videosequenz „einzusteigen“,
sich ihr beliebig lange zu widmen und diese wiederum mit einer anderen
Sequenz in Verbindung zu bringen, entsprechend den vielen Bedeutungen
und Konnotationen der Kerne und in Rückbeziehung auf Aspekte "migratorischer
Ästhetik" in der urbanen Landschaft Berlins, auch unter Einbeziehung
der örtlichen Kunstszene. In der Installation kann der Besucher weiterhin
dem Rösten von Kernen in einer eigens integrierten Röstmaschine
zusehen, er kann sich hinsetzen und Kerne probieren, oder auf dem „Teppich“
von knisternden Schalen umhergehen und den Geruch der gerösteten
Kerne wahrnehmen.
Hintergrund
Filling time, shaping the future, and accenting culture
GLUB bedeutet "Herzen" und bezeichnet essbare Kerne. Wir begreifen
diese Kerne als Material der Zukunft, des Wachstums und der Veränderung,
der Bewegung und Energie. GLUB bedeuten für uns das pulsierende Herz
einer lebendigen Kultur, bedeuten Überleben, Zuneigung und Erregung.
Diese Erregung ist es, die wir in dieser Installation stimulieren möchten,
so dass Vorbehalte, Probleme, Ängste und Fremdenfeindlichkeit in
den Hintergrund treten.
Die als Resultat der Migration entstandenen Mischgesellschaften haben
enorm von der Zuwanderung der Menschen aus den unterschiedlichen Kulturen
profitiert. Die Städte sind heterogener („bunter“) geworden,
Musik und Kino sind vielfältig bereichert, und die Philosophie bezieht
dankbar das Potential mit ein, das sich durch das Nachdenken über
Migration und ihre Metaphern ergibt. Das Kino hat aufgehört, ausschließlich
entweder Hollywood-dominiert oder streng elitär-avantgardistisch
zu sein, und ein "drittes" oder "akzentuelles" Kino
erreicht jetzt ein Popularitätsniveau, das noch vor 10 Jahren wenige
erwartet hätten. Auf den Straßen bestimmter Bezirke Berlins,
z.B. in Kreuzberg, bezeugen die Schalen von Sonnenblumenkernen das Vorhandensein
der Migrantenkultur in den zeitgenössischen europäischen Großstädten.
Jene Schalen, die Spuren von vergangenen Gesten sind, sind jetzt so normal,
dass sie nicht länger als „akzentuell“ wahrgenommen werden.
Sie sind die „niedrigen“ Ikonen der migratorischen Ästhetik.
"Niedrig" (low), weil sie billig und bescheiden sind, und als
Abfall weg geworfen werden; "niedrig" im Sinne des Unspektakulären,
Demokratischen, weil sie für alle erreichbar sind und nun auf dem
vorher makellosen Pflaster herum liegen. Dennoch ästhetisch, weil
das Erscheinungsbild der Stadt durch die Schalen und die sozialen Eigenschaften
der Menschen gekennzeichnet wird, die sie nach dem Verzehr draußen
zurückließen, als ein sichtbarer Aspekt von Verschiedenartigkeit,
wie es auch unsere Installation vorschlägt.
Dass Migranten der Kultur des Gastgeberlandes den Stempel ihres unschätzbaren
Beitrags zur Kultur aufsetzen, ist beispielsweise schon länger der
Fall in der Psychoanalyse, einer Disziplin, die maßgeblich von Menschen
im Exil geprägt worden ist, entweder auf Grund von Notwendigkeiten
der Forschung oder auf Grund der Flucht vor Gewalt und Verfolgung. Ein
solches Theoretisieren legt die Kreativität dieses Phänomens
offen, im Zusammenhang mit dem Bedürfnis, lokale Beschränkungen
aufzuweichen, die sich allgemein in lokalen Gewohnheiten verbergen. In
diesem Sinne liegt also genauso eine Ästhetik des Denken vor, wie
beispielsweise eine Ästhetik der Mode, des Films oder des Essens.
Derjenige Bereich der Kultur, in dem das Ästhetische und das Denken
zusammenlaufen, um neue Formen des Genießens dieses Mischzustandes
kulturellen Lebens zu entwickeln, ist selbstverständlich die Kunst.
Niemandem kann entgangen sein, dass in der zeitgenössischen Kunst
nicht nur die kulturelle Verschiedenartigkeit absorbiert wird, sondern
auch eine Verschiedenartigkeit von sensuellen Erfahrungen vorherrscht.
Da die zeitgenössische Kunst nicht mehr länger vom medienspezifischen
Visualismus der Moderne beherrscht wird, hat sie nicht nur die Skulpturalität
des Tons oder das bewegte Bild integriert, sondern auch das Essen. Kochperformances
sind nur ein Ausdruck des Bewusstseins der kulturellen Bedeutung des Essens.
Von GLUB zum Essen zur Kunst liegt somit ein logischer Pfad für die
Untersuchung "migratorischer Ästhetik" vor. Kurz gesagt,
untersucht unser Projekt den positiven Einfluss auf das Alltägliche,
der von der Migration herrührt, diesen neuen allgemeinen Zustand
der Hybridität, wenn das Sprechen über den Ursprung nahezu zwanghaft
und häufig sogar unmöglich wird, und Formen einer „kleinen"
Ästhetik. Es konzentriert sich auf die äußerst kleinen,
dennoch bedeutenden Aspekte der Alltagskultur und des akademischen Denkens,
die zwar ihrem Ursprung nach "fremd" sind, es zur gegebenen
Zeit aber nicht mehr sind. In diesem Sinne liegen diese Aspekte "jenseits"
von Identität, tragen aber Spuren von "Fremdheit".
GLUB werden hier als bescheidene, kaum sichtbare "Ikonen" der
ästhetischen Veränderung in der alltäglichen städtischen
Kultur dargestellt. Man sieht häufig orientalisch aussehende Jugendliche,
die herumhängen und Sonnenblumenkerne essen. Diese Kerne, glub, Plural
von galb, was Herz bedeutet, haben ziemlich wenig Geschmack, sie liefern
wenig Energie und haben keine halluzinatorischen Qualitäten. Ein
junger Migrant antwortete uns auf unsere Frage, er esse die Kerne, um
die Zeit zu überbrücken, die sich so endlos vor dem Arbeitslosen
ausdehne. So wurde es zu einer Gewohnheit, dann zu einer geschätzten
Tradition, die (buchstäblich) eine familiären und sozialen Aspekt
mit sich bringt. Es kennzeichnet damit die äußere Erscheinung
junger männlicher Migranten in europäischen Städten, so
dass dies als ein Ausdruck migratorischer Ästhetik gesehen werden
kann. Umso mehr, als dass europäische Jugendliche anfingen, diese
cool aussehende Gewohnheit nachzuahmen. Identität löst sich
auf, während sich ein Kontakt etabliert, nicht immer notwendigerweise
zwischen Menschen, aber sicherlich zwischen den unterschiedlichen "Looks"
von Kulturen. Glub-essende junge Männer orientalischer und deutscher
Herkunft bezeugen die Durchlässigkeit kultureller Grenzen, folglich:
Identitäten.
Einerseits bietet die Installation Bilder dieser Essengewohnheit, seiner
Verbreitung, Langlebigkeit und ihrer Fähigkeit zur Vermischung an;
andererseits Diskussionen, die migratorische Ästhetik reflektieren.
Erkennen Künstler diese oder andere Essengewohnheiten, andere kleine
Lebenspraktiken und Phänomene ohne spektakulären Impetus, die
dennoch im urbanen Raum bemerkbar sind? Wie reflektiert ihre eigene Arbeit
diese kleinen Veränderungen, die die westlichen städtischen
Zentren in hybride Räume umgewandelt haben, wo Kultur nicht ist,
sondern geschieht? Mittendrin scheinen die Ladenbesitzer die findigen
connoisseurs einer Kultur zu sein, die sie wie ein Musikinstrument spielen.
In einem Augenblick verwandeln sie das Symptom eines durch Arbeitslosigkeit
hervorgerufenen zeitlichen Exzesses in einem sonnendurchtränkten
Land in ein Handelsgut, das ihr Leben absichert, in ein Catering für
die schnelllebigen, kommerziellen Gesellschaften der kälteren Städte
des Nordens. Als Emblem dieser „akzentuellen“ Qualität
des heutigen Berlins, kämpfen die Ausländer eifrig mit der deutschen
Sprache, um ihren Platz in der Kultur einzunehmen, der sie sich zuwendeten,
um ihr Leben aufzubauen. „Akzente“ zu setzen betont die teilweise
von außerordentlicher Schönheit gekennzeichnete Schlüsselstellung,
die die heutigen Berliner in diesem Prozess der Begegnung einnehmen.

special thanks to:
maria theresa alves, claudia aravena abugosh, kathrin becker, manuela
bilir, pat binder, sarda cesür, davoud changizi, reza davudi, jimmie
durham, ekaterina dyogot, philipp Entekhabi, jérome gauliard,
mark gisbourne, dianna glienke, wolfgang griltsche, allen hebilovic,
katarina herzen, leiko ikemura, berra ilkan and class, djamila jahn,
karl edward Johnson, hicran kutal, kwang sai-lim, maryam mameghanian-prenzlow,
shaheen merali, boris mikhailov, lise nellemann, ghazi omayrat, serkan
osman, merve öz, bojana pejic, angelika richter, niko samini, jasmin
schmidt, anna rose steinberg, michael steinberg, alexander tolnay, leila
topic, serdar weitzmann, jan winkelmann, sabine winkler, magnus wisig,
bülant yozgat, ersa yucel
we thank for their valuable contributions:
kathrin becker, nikita von rebeck, helen burke, cornelia gräbner,
ayshe kücük, rémy markowitsch, sylvia mieszkowski,
angelika richter, britta schmitz
and we thank the following institutions:
ASCA, University of Amsterdam
Baker-Nord Center for the Humanities of the Case Western Reserve University,
Cleveland, OH
de ateliers, Amsterdam
Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart, Berlin
Hartnackschule für Fremdsprache, Berlin
Haus der Kulturen der Welt, Berlin
Neuer Berliner Kunstverein (NBK), Berlin
NEXT interkulturelle Projekte, Berlin
PLAY_ gallery for still and motion pictures, Berlin
For equipment lent
Werkleitz Gesellschaft e.V., Halle
additional images contributed by
arne hector, lena michaels, gary ward
camera, editing, concept:
© mieke bal and Shahram Entekhabi
2003- 2004
|