| GLUB Mieke Bal and Shahram Entekhabi projektassistentin Noa Roei mixed-media & video + foto-installation
GLUB (Hearts) GLUB ist das arabische Wort für Herzen, ein Wort, das für essbare, geröstete und gesalzene Kerne als preiswertem Snack verwendet wird. Ausgehend von den diversen Bedeutungen der Kerne - Sonnenblumenkerne, Kürbiskerne und alle Arten von anderen Kernen – die traditionsgemäß in vielen außereuropäischen Gesellschaften gegessen, aber meistens mit der arabischen Welt in Verbindung gebracht werden, verwendet die Installation das Medium Video, um nicht nur ein positives Bild von Migration anzubieten, sondern auch die Besucher anzuregen, ein solches Bild selbst zu konstruieren und sich selbst dazu ins Verhältnis zu setzen. Konkret heißt das: Die Installation besteht einerseits aus einem von Mieke Bal und Shahram Entekhabi redaktierten und editierten Videofilm aus diversem Dokumentations- und Interviewmaterial zum Thema, andererseits aus einem Set von mehreren Monitoren, die das dem Videofilm zugrunde liegende Bildmaterial umfänglich zeigen. Damit ist den Besuchern die Möglichkeit gegeben, nach eigener Wahl in eine von ihnen bevorzugte Videosequenz „einzusteigen“, sich ihr beliebig lange zu widmen und diese wiederum mit einer anderen Sequenz in Verbindung zu bringen, entsprechend den vielen Bedeutungen und Konnotationen der Kerne und in Rückbeziehung auf Aspekte "migratorischer Ästhetik" in der urbanen Landschaft Berlins, auch unter Einbeziehung der örtlichen Kunstszene. In der Installation kann der Besucher weiterhin dem Rösten von Kernen in einer eigens integrierten Röstmaschine zusehen, er kann sich hinsetzen und Kerne probieren, oder auf dem „Teppich“ von knisternden Schalen umhergehen und den Geruch der gerösteten Kerne wahrnehmen. Hintergrund Die als Resultat der Migration entstandenen Mischgesellschaften haben enorm von der Zuwanderung der Menschen aus den unterschiedlichen Kulturen profitiert. Die Städte sind heterogener („bunter“) geworden, Musik und Kino sind vielfältig bereichert, und die Philosophie bezieht dankbar das Potential mit ein, das sich durch das Nachdenken über Migration und ihre Metaphern ergibt. Das Kino hat aufgehört, ausschließlich entweder Hollywood-dominiert oder streng elitär-avantgardistisch zu sein, und ein "drittes" oder "akzentuelles" Kino erreicht jetzt ein Popularitätsniveau, das noch vor 10 Jahren wenige erwartet hätten. Auf den Straßen bestimmter Bezirke Berlins, z.B. in Kreuzberg, bezeugen die Schalen von Sonnenblumenkernen das Vorhandensein der Migrantenkultur in den zeitgenössischen europäischen Großstädten. Jene Schalen, die Spuren von vergangenen Gesten sind, sind jetzt so normal, dass sie nicht länger als „akzentuell“ wahrgenommen werden. Sie sind die „niedrigen“ Ikonen der migratorischen Ästhetik. "Niedrig" (low), weil sie billig und bescheiden sind, und als Abfall weg geworfen werden; "niedrig" im Sinne des Unspektakulären, Demokratischen, weil sie für alle erreichbar sind und nun auf dem vorher makellosen Pflaster herum liegen. Dennoch ästhetisch, weil das Erscheinungsbild der Stadt durch die Schalen und die sozialen Eigenschaften der Menschen gekennzeichnet wird, die sie nach dem Verzehr draußen zurückließen, als ein sichtbarer Aspekt von Verschiedenartigkeit, wie es auch unsere Installation vorschlägt. Dass Migranten der Kultur des Gastgeberlandes den Stempel ihres unschätzbaren Beitrags zur Kultur aufsetzen, ist beispielsweise schon länger der Fall in der Psychoanalyse, einer Disziplin, die maßgeblich von Menschen im Exil geprägt worden ist, entweder auf Grund von Notwendigkeiten der Forschung oder auf Grund der Flucht vor Gewalt und Verfolgung. Ein solches Theoretisieren legt die Kreativität dieses Phänomens offen, im Zusammenhang mit dem Bedürfnis, lokale Beschränkungen aufzuweichen, die sich allgemein in lokalen Gewohnheiten verbergen. In diesem Sinne liegt also genauso eine Ästhetik des Denken vor, wie beispielsweise eine Ästhetik der Mode, des Films oder des
Essens. GLUB werden hier als bescheidene, kaum sichtbare "Ikonen" der ästhetischen Veränderung in der alltäglichen städtischen Kultur dargestellt. Man sieht häufig orientalisch aussehende Jugendliche, die herumhängen und Sonnenblumenkerne essen. Diese Kerne, glub, Plural von galb, was Herz bedeutet, haben ziemlich wenig Geschmack, sie liefern wenig Energie und haben keine halluzinatorischen Qualitäten. Ein junger Migrant antwortete uns auf unsere Frage, er esse die Kerne, um die Zeit zu überbrücken, die sich so endlos vor dem Arbeitslosen ausdehne. So wurde es zu einer Gewohnheit, dann zu einer geschätzten Tradition, die (buchstäblich) eine familiären und sozialen Aspekt mit sich bringt. Es kennzeichnet damit die äußere Erscheinung junger männlicher Migranten in europäischen Städten, so dass dies als ein Ausdruck migratorischer Ästhetik gesehen werden kann. Umso mehr, als dass europäische Jugendliche anfingen, diese cool aussehende Gewohnheit nachzuahmen. Identität löst sich auf, während sich ein Kontakt etabliert, nicht immer notwendigerweise zwischen Menschen, aber sicherlich zwischen den unterschiedlichen "Looks" von Kulturen. Glub-essende junge Männer orientalischer und deutscher Herkunft bezeugen die Durchlässigkeit kultureller Grenzen, folglich: Identitäten. Einerseits bietet die Installation Bilder dieser Essengewohnheit, seiner Verbreitung, Langlebigkeit und ihrer Fähigkeit zur Vermischung an; andererseits Diskussionen, die migratorische Ästhetik reflektieren. Erkennen Künstler diese oder andere Essengewohnheiten, andere kleine Lebenspraktiken und Phänomene ohne spektakulären Impetus, die dennoch im urbanen Raum bemerkbar sind? Wie reflektiert ihre eigene Arbeit diese kleinen Veränderungen, die die westlichen städtischen Zentren in hybride Räume umgewandelt haben, wo Kultur nicht ist, sondern geschieht? Mittendrin scheinen die Ladenbesitzer die findigen connoisseurs einer Kultur zu sein, die sie wie ein Musikinstrument spielen. In einem Augenblick verwandeln sie das Symptom eines durch Arbeitslosigkeit hervorgerufenen zeitlichen Exzesses in einem sonnendurchtränkten Land in ein Handelsgut, das ihr Leben absichert, in ein Catering für die schnelllebigen, kommerziellen Gesellschaften der kälteren Städte des Nordens. Als Emblem dieser „akzentuellen“ Qualität des heutigen Berlins, kämpfen die Ausländer eifrig mit der deutschen Sprache, um ihren Platz in der Kultur einzunehmen, der sie sich zuwendeten, um ihr Leben aufzubauen. „Akzente“ zu setzen betont die teilweise von außerordentlicher Schönheit gekennzeichnete Schlüsselstellung, die die heutigen Berliner in diesem Prozess der Begegnung einnehmen.
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| special
thanks to:
maria theresa alves, claudia aravena abugosh, manuela bilir, pat binder, sarda cesür, davoud changizi, reza davudi, jimmie durham, ekaterina dyogot, philipp Entekhabi, jérome gauliard, mark gisbourne, dianna glienke, wolfgang griltsche, allen hebilovic, katarina herzen, leiko ikemura, berra ilkan and class, djamila jahn, karl edward Johnson, hicran kutal, kwang sai-lim, maryam mameghanian-prenzlow, shaheen merali, boris mikhailov, lise nellemann, ghazi omayrat, serkan osman, merve öz, bojana pejic, angelika richter, niko samini, jasmin schmidt, anna rose steinberg, michael steinberg, alexander tolnay, leila topic, serdar weitzmann, jan winkelmann, sabine winkler, magnus wisig, bülant yozgat, ersa yucel we thank for their valuable
contributions: and we thank the following institutions: ASCA, University of Amsterdam Baker-Nord Center for the Humanities of the Case Western Reserve University de ateliers, Amsterdam Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart, Berlin Hartnackschule für Fremdsprache, Berlin Haus der Kulturen der Welt, Berlin Neuer Berliner Kunstverein (NBK), Berlin NEXT interkulturelle Projekte, Berlin PLAY_ gallery for still and motion pictures,
Berlin Arne Hector Hena Michaels Gary Ward Entekhabi |
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video, 29:00 min, color/sound in addition to the video “glub”, the installation consists of 8 monitors showing seedeaters looking into the camera. the imagery on the monitors is accompanied by a sound-carpet of cracking seed-shells. each monitor is provided with headphones to allow the public to listen to various stories of the seedeaters. |
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