
installation. aluminium board, colored bulbs in green, white, and red,
keys, 640 x 260 cm
Ausstellung Entfernte Nähe
Haus der Kulturen der Welt BERLIN 
19.03. - 09.05.2004
>to
English text
"Sicherheitshinweis: Bitte achten Sie
auf verlassene Gegenstände und Gepäck in den Zügen und
auf den Bahnsteigen. Informieren Sie uns über die Notrufsäule."
Das ist seit den Attentaten in London der neue mitlaufende Untertitel
im Programm des "Berliner Fensters" in den U-Bahnen der Hauptstadt.
Er ist der Untertitel unter Werbung, verblödenden Celebrity-Nachrichten
und meist drittklassigen Veranstaltungshinweisen und Kochtipps. Das
Berliner-Fenster: unbewusstes Medium eines zynischen Realismus'
zwischen Mord, Bedrohung, Kitsch, Krieg, Sicherheitshinweisen, Infotainment
und Reklame.
Die Sicherheitsmaßnahmen sind wie das Schirmaufspannen nach dem
Regen, wenn schon alle nass sind. Wann schießt und bombt wer und
warum? Wie wird Ideologie legitimiert? Wie wird Fundamentalismus dekliniert?
Wie wird nationale Sicherheit begründet?
An der ehemaligen physischen Grenze der Blockmächte des Kalten
Krieges, an der ehemaligen innerdeutschen Trennlinie zweier gesellschaftlich
organisierter Ideologien, auf einem der letzten Grenzwachtürme
der ehemaligen DDR in Berlin leuchtet und glänzt die Arbeit "kilid"
des im Iran gebürtigen Künstlers Shahram Entekhabi. Ein sechs
Meter langer Aluminium-Schlüssel (kilid, zu deutsch Schlüssel)
mit über 400 Glühbirnen bestückt, eingefärbt in
den Farben der Iranischen Flagge mit dem eingearbeiteten Motiv der Tulpe
Allahs, überleuchtet den ehemaligen Grenzstreifen und markiert
damit eine aktuelle ideologische Grenze, eine Grenze, die in einem heißen
und akuten Krieg umkämpft wird.
Hat man die eine Feindschaft scheinbar überwunden, findet sich
sogleich eine neue. Die Ideologie des islamischen Fundamentalismus steht
gegen die Ideologie eines hysterischen, industrialisierten Christentums
und der aus ihm abgeleiteten Gesellschaftssysteme.
Entekhabis "kilid" ist auch als Symbol und als Referenz auf
die kleinen Plastikschlüssel zu verstehen, die bei der Rekrutierung
von Kindersoldaten im Iran/Irakischen Krieg den Kindern als Schlüssel
zum jenseitigen Paradies ausgehändigt wurden, bevor sie, damit
ideologisch für den Märtyrertod ausgerüstet, als Minenfutter
zur Klärung der Minenfelder eingesetzt wurden. Die Bomben zerfetzen
die Leiber, die Seelen flüchten sich ins Paradies. Im Wachturm
findet der Besucher unzählige gebrauchte metallene Original-Schlüssel,
die keine Schlösser mehr schließen oder öffnen. Der
Besucher darf sich einen aussuchen und mit nach Hause nehmen.
Entekhabis Arbeit, die auch an Leuchtreklame, Jahrmarktsästhetik
und Dorffeste erinnert, konterkariert den Betonturm, der als Überrest
eines vergangenen, ehemals stolzen, industrialisierten Sicherheitssystems
nun zu dessen Symbol und Referenz wurde.
Was ist grausamer: Die Entwicklung von Waffen, die schließlich
wie in einem Computerspiel von der Generation der Playstation-Fanatiker
unbemannt gegen den Feind gelenkt werden können und den sauberen
Krieg suggerieren und deren Technik auch in Grenzbefestigungs- und Sicherheitssystemen
Verwendung finden wird oder die Verführung von Kindern, Jugendlichen
und Erwachsenen der eigenen Bevölkerung und Nation, die sich zum
Opfer machen lassen und sich selbst als Waffe zur Verfügung stellen?
Als Lohn wird mit dem Einzug in Allahs Herz bezahlt.
Die industrielle und digitale Waffentechnik dient dem Spiel der Waffenindustrie
im Kampf um ihre Absatzmärkte, im Realtest in aktuellen Krisen-
und Kriegsregionen auf ihre Funktionstüchtigkeit geprüft.
Die fanatische Religiosität dient den Mullahs zur Absicherung ihrer
Machtinteressen.
Wann schießt und bombt wer und warum? Wie wird Ideologie legitimiert?
Indem Shahram Entekhabi seine Arbeit "kilid" auf den Wachturm
montiert, werden in dieser gegenseitigen Konfrontation neue Bezugs-
und Interpretationsfelder sowohl für seine Arbeit als auch für
den Turm als historischem Restbestand aufgezeigt.
Text: mari brellochs
***
Während des zehnjährigen Iran- /
Irakkriegs war es gängige Praxis, Kindersoldaten für den Kampf
zu rekrutieren, wie dies im Übrigen in vielen Teilen der Welt noch
immer üblich ist. Bei der Mobilisierung wurde den Kindern von den
religiösen Führern (Mullahs) ein Plastikschlüssel für
das Tor zum jenseitigen Paradies als Heilsversprechen mit in den Krieg
gegeben, wo sie vor allem zur Säuberung von Minenfeldern eingesetzt
wurden.
Mit „Kilid“ – „Kilid“ bedeutet auf persisch
„Schlüssel“ – gibt Shahram Entekhabi einen Hinweis
auf dieses düstere Kapitel militärischer Praxis, das auch
in anderen Orten der Welt seine Entsprechungen hat.
Das Paradies als Vision ist völkerübergreifend. Hier ist eine
Vision angesprochen, die möglicherweise völkerverbindend sein
könnte. Shahram Entekhabi will nicht belehren. Es ist vielmehr
der Kampf gegen das Vergessen, dem er mit seinem Werk entgegentreten
will.
text: Jürg Nyffeler