Wer hat Angst vor der Schwarzen Frau?


Shahram Entekhabi im Gespräch mit Nikita von Rebeck

N.V.R.: Wenn Du die Arbeiten wie „Islamic Vogue“, „Heroines“ oder andere Übermalungen Deiner Mutter erklären solltest, was würdest Du ihr sagen?

S.E.: Bei der Beantwortung Deiner Frage spielt eine große Rolle, welcher Rezipientenkreis angesprochen ist. Immerhin lebt meine Mutter nach wie vor in Teheran. Das heißt, außer, dass Mütter immer einer anderen Generation angehören, als Kinder, hat sie im Unterschied zu mir ihre Kultur und die traditionelle Umgebung nicht verlassen. Sie ist involviert in die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in ihrem, also einem islamischen Land, in dem die Sharia heute Zivilgesetz ist. Dadurch sind ihr einzelne Aspekte näher, die meiner imaginären Mutter im Westen ganz fremd wären. Der Ursprung der Übermalungen liegt darin, dass sich - wie nach jedem Umsturz - auch nach der islamischen Revolution im Iran die Pasdaran, also die Revolutionswächter, auf die Suche nach Überresten des vergangenen Regimes begeben und in den Beständen der öffentlichen Bibliotheken nach Materialien gesucht haben, die den neuen Vorschriften nicht entsprechen. Zum Beispiel wurden literarische Werke aussortiert und vernichtet oder auf Illustrationen mit Frauen wurde die nackte Haut geschwärzt. Durch diese Zensur wurden die Druckerzeugnisse quasi fit für das neue Zeitalter gemacht. Ich finde es gut, dass Du mich nach meiner Mutter fragst, weil Du mir damit eine Möglichkeit gibst, meine Arbeiten in Verbindung mit zu Menschen zu sehen, die normalerweise damit nicht in Berührung kommen. Wenn wir von meiner Mutter im Westen reden, könnte ich eine Mutter haben, die zum Beispiel noch vor meiner Geburt nach Westen gekommen ist und die beschriebenen Veränderungen nur aus der Ferne erlebt oder aber eine westliche Frau, die die Entwicklungen nur in den Medien verfolgt hat.

N.V.R.: Das heißt, dass Du bei Deiner Antwort gewissermaßen die Frauenfrage ins Spiel bringen willst?

S.E.: Eine klassische Antwort wäre, dass ich versuche, die Frauen zu verstehen. (lacht) Ich bin interessiert, wie sie sich mit der männlichen Welt auseinandersetzen, und zwar in den verschiedenen Kulturen. Inwieweit sie Mechanismen der Manipulation und Unterwerfung umgehen, bzw. aufbegehren, widerstehen.

N.V.R.: Zweifelsohne ist der Grad der Unterdrückung der Frauen in der islamischen Welt aber wesentlich höher, als in der westlichen...

S.E.: In der islamischen Welt ist die Unterwerfung sehr illustrativ und sehr präsent, schnell fassbar: Die Frauen sind uniformiert, sie leben nach einem traditionellen Modell. Sie sind gezwungen, die historische Frauenrolle nachzuvollziehen und beizubehalten. Dagegen finde ich, dass die Unterdrückung der Frauen in der westlichen Welt ja auch vorhanden, aber viel subtiler ist - im Sinne einer freiwilligen Selbstkontrolle der Frauen, sich den geschönten Vorbildern anzupassen. Hier sind Frauen auch uniformiert und einem kollektiven Leitbild von absoluter Schönheit unterworfen, das einem männlichen Wunschdenken entspricht. In beiden Fällen, im Iran wie im Westen, ist klar, dass Frauen keine Männer sein sollen...

N.V.R.: ... keine Männer sein sollen, weil Frauen eben traditionell auch nicht teilhaben sollen am großen Kuchen des männlichen Machtbereichs....

S.E.: Ich möchte hier aber vor allem noch einmal darauf hinweisen, dass ich in Bezug auf Unterdrückung und Kontrolle der Frauen eine Parallele zwischen der westlichen und der islamischen Welt behaupte, wobei mir klar ist, dass ich damit provoziere...

N.V.R.: Dann willst Du Deine Arbeiten nicht nur als Kritik an der islamischen Welt, sondern auch am Westen verstanden wissen?

S.E.: Die Arbeit fokussiert Abhängigkeiten, Konsumzwänge und Unterdrückung gleichermaßen...

N.V.R.: Aber bei aller Ernsthaftigkeit hat die Arbeit auch etwas Spielerisches oder Ironisches. Ich musste jedenfalls schmunzeln und an all diese neuen Konsumgüter in Form der „Islamic Barbie“ oder des „Burkini“, des perfekten islamischen Schwimmanzugs denken...

S.E.: Das Absurde liegt in der Verschmelzung dieser beiden Modelle: Die westliche Konsumgesellschaft lebt vom stetigen Wechsel der Moden und schafft immer neue Bedürfnisse, während der Tschador seine traditionelle Form seit Jahrhunderten beibehalten hat. „Burkinis“ und „Islamic Barbies“ sind ein recht hilfloser Ausdruck dessen, dass auch in der islamischen Welt Frauen und Mädchen schon längst eine Wirtschaftskraft bilden, allen Unterdrückungsmechanismen zum Trotz.

N.v.R.: Sind diese Produkte nicht auch Hinweise auf eine neue, körperbewusste Weiblichkeit und öffentliche Sexyness in der islamischen Welt, die mit Macht ihren Ausdruck sucht?

S.E.: Bezeichnenderweise erlebe ich immer wieder, dass Betrachter sagen, dass die von mir übermalten Frauen nichts an Erotik und Reiz verlieren, im Gegenteil, Verhüllen und Enthüllen sind ja die klassischen Spiele der Verführung... In der Frage, was sich aber unter dem schwarzen Schleier verbirgt, kommt auch die Urangst des Westens vorm Islam zum Ausdruck: Schwarze Witwen, Selbstmordattentäterinnen, heilige Kriegerinnen... Diese Angst mischt sich mit der Vorstellung vom unbezähmbaren Weib, der wilden Frau.

 

Notes:
Nikita von Rebeck (1975) lebt als freie Autorin in Wien, Mailand und London.
Shahram Entekhabi (1963) lebt als Künstler und Architekt in Berlin und London.